Die ökonomische Theorie der Ehe
Oder: Warum wir auch den Heiratsmarkt liberalisieren müssen

Ein Vortrag von Frank Jung, 
gehalten am 15.7. 2001 in der Klosterschule Roßleben 

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Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

Photo: Werner Knoben, Deutsche SchülerAkademieich möchte heute zu Euch sprechen über die ökonomische Theorie der Ehe. Der Titel mag verblüffen: Warum sollte sich die Ökonomie - und wenn ich Ökonomie sage, meine ich selbstredend die Volkswirtschaftslehre. Daneben gibt es noch die Betriebswirtschaftslehre, aber das ist keine Ökonomie, das ist... was auch immer. Warum also sollte sich die Ökonomie überhaupt mit so etwas wie der Ehe beschäftigen?

Vor 1000 Jahren hätte man sich dafür kaum rechtfertigen müssen. Schließlich ist der historische Kern der Ehe der einer wirtschaftlichen Zweckgemeinschaft. In der von Landwirtschaft geprägten Welt des Mittelalters war die Frage, ob man ledig blieb oder heiratete, gleichbedeutend mit der Frage, ob man früh sterben oder lieber etwas älter werden wollte. Verständlich, dass sich unter diesen Umständen fast alle für Ehe - und damit auch Familie - entschieden. So hatte man einen Partner oder eine Partnerin, die einen pflegte, wenn man krank wurde. Ein staatlich reguliertes Gesundheitswesen gab es schließlich noch nicht. Und wichtiger noch: Mann und Frau konnten zusammen Kinder groß ziehen, die einen versorgten, wenn die harte Arbeit auf dem Feld im Alter nicht mehr selbst zu bewerkstelligen war. Eine staatliche Rentenversicherung gab es schließlich auch noch nicht.

Man muss nicht weiter erläutern, wie sehr sich unsere Lebenswirklichkeit seit der Zeit vor 1000 Jahren verändert hat. In der postindustriellen Informationsgesellschaft lebt es sich für viele ohne Ehe und Kinder besser als mit. Wo Flexibilität und Kreativität Trumpf sind, stören ortsgebundene Partner ebenso wie Kindergeschrei.


"Man könnte auch aus Liebe heiraten..."

Trotzdem gibt es so etwas wie die Ehe auch heute noch, selbst wenn sie - in Bezug auf ihre ursprüngliche Funktion - weitgehend sinnentleert ist. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass einigen Leuten vor ein paar hundert Jahren eingefallen ist, man könne auch aus einem anderen als einem wirtschaftlichen Grund heiraten. Diesen Grund nannten sie Liebe, und diese Leute nennen wir heute Romantiker.
Von den Naturwissenschaften wissen wir, dass eben jene Liebe im Kern ein biochemischer Prozess ist. Es werden Substanzen freigesetzt, die - wie Drogen - ihre Wirkung unmittelbar im zentralen Nervensystem entfalten. 

Ab hier wird es für eine ökonomische Analyse heikel. In den wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungen unterstellt man allgemein einen sich rational verhaltenden Menschen, den homo oeconomicus. Betrunkene - und seien es Liebestrunkene - eignen sich weder zur Modell- noch zur allgemeinen Theoriebildung. 

Trotzdem braucht der Ökonom die Flinte noch nicht ins Korn zu werfen. Von der Biochemie wissen wir nämlich auch, dass für die Drogen der Liebe genau das gleiche gilt, wie für Alkohol und LSD: Der Mensch stumpft gegenüber ihrer Wirkung mit der Zeit immer mehr ab. Spätestens nach vier bis sechs Jahren, sagen die Biochemiker, ist alles vorbei. Trotzdem lässt sich feststellen, dass viele Ehen auch heute noch weit länger als diese Zeitspanne halten, manche in der Tat für ein Leben lang. Liebe ist daher keine ausreichende Erklärung für das Phänomen der Ehe. Es lässt sich daraus der Schluss ziehen, dass der Bund für's Leben zwar einerseits in einem rauschhaften Zustand geschlossen wird, dass er andererseits aber auch dann geschlossen würde, wenn beide Partner vor dem Altar bei Sinnen wären. 

Die Ehe scheint also in ihrem Kern rational zu sein. Und damit ist auch die Ökonomie wieder legitimiert, sie zu erklären. So here we go.

Zunächst jedoch noch eine kleine Anmerkung: Ich werde die nun folgenden Gedanken und die dahinterliegende Theorie aus Sicht eines Mannes schildern. Man könnte - mit symmetrischen Ergebnissen - auch die Perspektive einer Frau wählen. Täte ich dies nun, würde ich aber gegebenenfalls in ein falsches Licht gerückt.


Für den Ökonomen erscheint die Ehe als Katastrophe schlechthin

Die heutige Ehe ist - aus Sicht eines Ökonomen - auf den ersten Blick eine Katastrophe schlechthin. Ökonomen sind Menschen, die auf die Effizienz von Märkten und damit die Segnungen des Wettbewerbs vertrauen. Die Ehe scheint aber gerade darauf aus zu sein, jeden Wettbewerb zu verhindern: Mann bindet sich vertraglich ein Leben lang an eine einzige Frau und entsagt allen anderen - zumindest beabsichtigt man das im Augenblick der Heirat. Statt Wettbewerb und Konkurrenz ist das Eheleben von einem Monopol geprägt. Das ist in etwa so, wie wenn man ohne Not zu Karstadt rennen würde und dort einen Vertrag unterschriebe, der einen verpflichtete, bis ans Ende seiner Tage alles nur noch dort zu kaufen. Nur tumbe Tölpel - und Betriebswirte natürlich - würden so was tun. Warum sollte man freiwillig auf die Segnungen des Wettbewerbs verzichten? Oder unökonomisch formuliert: Warum sollte mann die Tatsache ignorieren, dass auch andere Mütter tolle Töchter haben? 

Manche erklären den freiwilligen Marsch weg von den anderen tollen Töchtern und hinein ins Monopol der Ehe mit der Effizienz von Arbeitsteilung. Wenn SIE für beide kocht und ER für beide schon mal das Bier kalt stellt, nimmt das weniger Zeit in Anspruch, wie wenn jeder für sich selbst kochte und sein eigenes Bier vom Keller zum Kühlschrank brächte.

Doch greift die Vorstellung, dass sich die Funktion der Ehe von der einer Sozialversicherung hin zu einer effizienzsteigernden Form von Arbeitsteilung verändert hat, viel zu kurz. Wir alle leben in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, ohne dass wir deswegen die anderen an diesem Prozess beteiligten gleich heiraten. Ich habe jedenfalls noch nie einer Burger-Bräterin bei Mc Donald's einen Antrag gemacht, obwohl ich das Ergebnis ihrer Arbeit außerordentlich schätze. Auch habe ich noch nie um die Hand einer Putzfrau angehalten, auch wenn ich ihre Dienste oft mehr als gut gebrauchen könnte. Und selbst vor der holden Hübschen aus der Metzgerei bei mir um die Ecke in Heidelberg bin ich noch nicht auf die Knie gefallen, obwohl keine das Hackfleisch so wunderbar zu kneten versteht wie sie. Einmal davon abgesehen, dass sie mich sowieso keines Blickes würdigt. ( ...'Fräulein Steffi' heißt sie übrigens, wie immer auf dem Kassenzettel zu lesen ist. Aber das nur in Parenthese.)

Wenn auch der Erklärungsansatz der Arbeitsteilung noch zu kurz greift, wie lässt sich Ehe dann erklären?


Firmenspezifisches Kapital; Oder: Wenn er säuselt "Du bist einzigartig..."

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, der ökonomische Sinn einer Ehe besteht in der extremen Individualisierung der Dienstleistungen, die Mann und Frau füreinander erbringen. Diese sind so am freien Markt nicht erhältlich. Im Verlauf vieler gemeinsamer Jahre lernt man den anderen so gut kennen, dass man um dessen persönliche Wünsche und Leidenschaften besser weiß, als irgend ein anderer Mensch auf der Welt. Wenn ein Mann nach 20 Jahren Ehe seiner Frau tief in die Augen blickt und säuselt: "Du bist einzigartig!" meint das: 'Niemand weiß so gut wie Du, welche Temperatur das Bier haben sollte, das Du mir immer pünktlich zur Tagesschau an meinen Fernsehsessel bringst.'

Ökonomisch nennt sich das beschriebene Phänomen Aufbau von firmenspezifischem Kapital. Es handelt sich um eine Form von Humankapital. Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Wirtschaft: Ein Buchhalter etwa, der seit 20 Jahren im gleichen Unternehmen arbeitet, kennt die innerbetrieblichen Abläufe ganz genau. Er wird auch dann nicht gleich gehen, wenn er mal Ärger mit seinem Chef hat, denn in einer anderen Firma müsste er sich erst wieder mühsam einarbeiten. Auch sein Chef wird ihn bei einem Fehler nicht gleich entlassen wollen, denn es gibt auf dem Arbeitsmarkt keinen zweiten Buchhalter, der so gut über sein Unternehmen bescheid weiß. 

Wie in der Ehe wird auch in der Wirtschaft offenbar mitunter eine Monopolsituation dem freien Wettbewerb vorgezogen, selbst dann noch, wenn es zu Konflikten kommt. Die negativen Folgen des fehlenden Wettbewerbs scheinen durch die firmenspezifische Kapitalbildung überkompensiert zu werden. Solche Erkenntnisse lassen sich auch auf ganz andere Bereiche übertragen, etwa die Politik: Aus dem Gesagten lässt sich beispielsweise der Schluss ziehen, dass eine Partei wie die CDU nicht allzu oft ihren Schatzmeister wechseln sollte. Bis der neue nämlich jeweils wüsste, wo die ganzen Geldkoffer und schwarzen Kassen versteckt sind, wäre der Wahlkampf wohl schon verloren, den man damit finanzieren wollte.


Die Ehe ist vielleicht ganz gut. Aber es gibt Besseres...

Nunmehr haben wir eine Begründung dafür, warum die Mehrheit der Menschen eine Ehe dem ständigen Partnerwechsel vorzieht. Trotzdem bleibt die Situation ein Stück weit unbefriedigend. Die bisherige Betrachtung vergleicht zwei mögliche Lebenssituationen und erklärt, warum die eine im Regelfall der anderen vorgezogen wird. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass die bevorzugte Lebensform - die Ehe - die beste aller möglichen Lebensformen ist. Es dürfte bereits jetzt intuitiv klar sein, dass eine Situation noch besser wäre, in der sowohl Wettbewerb herrschte als auch firmenspezifisches Kapital gebildet würde. Gesucht ist also eine Synthese der beiden in der Ausgangssituation gegensätzlichen Lebensformen (Ehe versus 'Freiheit'), die die Vorteile beider Lebensformen kombiniert. Unökonomisch formuliert: Wie kommen wir an die tollen Töchter der anderen Mütter ran, ohne dass das Bier zur Tagesschau die falsche Temperatur hat und zu allem Übel vielleicht auch noch erst zu den Tagesthemen serviert wird?

Eine zunächst naheliegende Antwort ist Ehebruch. Diese Option soll hier allerdings nicht weiter verfolgt werden, da sie eine Art Vertragsbruch darstellt. Wird dieser entdeckt, droht die Scheidung, was einen Totalverlust des mühsam aufgebauten firmenspezifischen Kapitals bedeutete. 

Besser als ein kaum kalkulierbares Vabanque-Spiel in diversen Hotelzimmern wäre es, den Heiratsmarkt zu liberalisieren, damit der Wettbewerb Einzug hält. Eine derartige Liberalisierung wäre die Einführung einer Vielehe. Vielehen sind sowohl dergestalt denkbar, dass eine Frau mehrere Männer haben kann, wie auch, dass einem Mann mehrere Frauen erlaubt sind. Nachfolgend soll die letztgenannte Variante analysiert werden. Im umgekehrten Fall wären die Ergebnisse symmetrisch.

Aus Sicht eines Mannes, der mehrere Ehefrauen gleichzeitig hat, leistet die Vielehe die geforderte Synthese der Vorteile aus beiden beschriebenen Lebensformen: Da sich alle seine Ehefrauen in ihren Dienstleistungen auf ihn spezialisieren, wird firmenspezifisches Kapital aufgebaut. So lange die Anzahl der Ehefrauen nicht zu große Dimensionen annimmt, kann er sich umgekehrt auch auf die spezifischen Wünsche seiner Frauen spezialisieren. Gleichzeitig hat der Mann die Auswahl zwischen mehreren Frauen, kommt also in den Genuss der Früchte des Wettbewerbs. 


Der Heiratsmarkt: Frauen haben ihren Preis!

Um die Auswirkungen der Vielehe zu untersuchen, soll die in der Ökonomie verbreitete grafisch-verbale Analyse gewählt werden. Dabei ist der 'Preis von Frauen' ein wichtiger Aspekt. Was ist darunter zu verstehen? Man muss sich hier nicht unbedingt vorstellen, dass auf den Wochenmärkten zukünftig neben Freilandgemüse und Feldsalat auch Frauen zu erstehen sind. Der Gedanke, dass Frauen ihren 'Preis' haben, ist aber keinesfalls abwegig. Bis in die 30-er Jahre hinein war es beispielsweise in vielen Ländern üblich, dass Männer eine empfindliche Geldstrafe zahlen mussten, wenn sie die Verlobung mit einer Frau lösen wollten, statt den Weg vor den Altar zu beschreiten. Warum? Es galt als allgemein akzeptiert, dass Verlobte bereits zusammen wohnten und auch sexuellen Verkehr pflegten. Kam es schließlich doch nicht zur Heirat, stellte die Geldstrafe eine Kompensation für den Verlust der Jungfräulichkeit der designierten Gattin dar. Die fehlende Jungfräulichkeit nämlich verschlechterte ihre Chancen am Heiratsmarkt erheblich. Als die Strafen für Männer abgeschafft wurden, kamen Verlobungsringe in Mode. Diese hatten - gemessen am damaligen Einkommen - einen immensen Wert. Kam es nicht zur Heirat, musste die Frau den Ring nicht zurückgeben, sondern konnte ihn beim Juwelier verkaufen und hatte so ihre Entschädigung für den erlittenen Verlust an Marktwert.

Jungfräulichkeit hat ihren Wert zwischenzeitlich weitgehend eingebüßt. Vermutlich ist sie eher zu einem Malus geworden, weil sie Unerfahrenheit - und damit gegebenenfalls Unfähigkeit - signalisiert. Trotzdem hat sich der Ausflug in die Zeit vor 1968 gelohnt, denn er zeigt, dass die Idee vom 'Preis einer Frau' keinesfalls so abwegig ist, wie sie zunächst klingen mag. 

In einem moderneren Verständnis lässt sich der Preis einer Frau etwa dadurch erklären, welchen Lebensstandard und welche optischen Reize ein Mann seiner Gattin bieten muss und wie die eheliche Arbeitsteilung organisiert wird. Haben etwa männliche Studenten, die ihren Unterhalt von BAföG bestreiten, aussehen wie der Verfasser dieser Rede und zudem weder bereit sind, den Abwasch zu übernehmen noch die Wäsche zu bügeln, gute Chancen am Heiratsmarkt, dann lässt sich schließen, dass der Preis von Frauen sehr niedrig ist. Müssen hingegen selbst Männer, die aussehen und verdienen wie Brad Pitt noch zusichern, den kompletten Haushalt alleine zu organisieren, dann ist der Preis von Frauen sehr hoch.

Der Marktpreis von Frauen hat Einfluss auf ihre Bereitschaft, das Eheversprechen zu geben. Dies wird in dem steigenden Verlauf der Angebotskurve S (für Supply) von Frauen deutlich, die in der Grafik des Heiratsmarktes (li.) dargestellt wird. An der vertikalen Achse wird dabei der Preis abgetragen, an der horizontalen Achse die Anzahl der Frauen, die bereit sind, zu dem jeweiligen Preis zu heiraten. Der steigende Verlauf beutet, dass bei einem niedrigen Preis viele Frauen lieber Single bleiben möchten. Einen BAföG - Studenten zu heiraten, der auch noch aussieht wie Frank Jung und zudem den ganzen Haushalt alleine schmeißen zu müssen, erscheint vielen zu unattraktiv. Mit steigendem Preis nähern wir uns dem bereitwillig abwaschenden Brad Pitt - und das Interesse an der Ehe nimmt zu. Für das spätere Verständnis sei noch angemerkt, dass die Anzahl der Frauen in der betrachteten Ökonomie konstant ist. Mit der Bewegung nach rechts in der Grafik ändert sich nur die Zahl der zum jeweiligen Preis Heiratswilligen, nicht aber die Gesamtzahl aller Frauen.

Die mit D für Demand notierte Kurve gibt die preisabhängige Nachfrage der Männer nach Frauen an. Ihr fallender Verlauf bedeutet, dass um so mehr Frauen nachgefragt werden, je billiger diese sind. Ist der Preis hingegen sehr hoch, kaufen sich viele Männer lieber eine Dauerkarte für die VIP-Loge des 1. FC Kaiserslautern, fahren ein teureres Auto und verbringen ihre Zeit statt mit Abwaschen lieber mit der Suche nach amourösen Kurzabenteuern. 

Die Grafik oben zeigt die Situation vor der Einführung einer Vielehe. Im Punkt G1 ist das aktuelle Marktgleichgewicht. Zum Preis P1 wollen genau so viele Männer wie Frauen heiraten. Der Markt wird geräumt.


Die Marktveränderungen nach Einführung der Vielehe

Nun sollen die Auswirkungen einer Legalisierung der Vielehe analysiert werden. Zumindest ein Teil der Männer, die zu einem gegebenen aktuellen Marktpreis in der Ausganssituation eine Frau zu heiraten wollten, wird nun Interesse haben, mehr als eine Frau zu heiraten. Dies gilt für alle denkbaren Preise. Entsprechend ist die Nachfrage nach Frauen zu jedem Preis größer als vor der Legalisierung der Vielehe. Grafisch drückt sich dies dadurch aus, dass die Nachfragekurve D nach rechts  (zu D2) verschoben wird (vgl. nachfolgende Grafik ). 

Die Angebotskurve der Frauen ändert sich nicht. Dies rührt einerseits daher, dass die Anzahl der Frauen in der betrachteten Volkswirtschaft konstant ist. Darüber hinaus impliziert es, dass es für Frauen keine Relevanz hat, ob sie die einzige Ehefrau sind oder eine unter mehreren. Ihre Heiratsbereitschaft ist ausschließlich von der Gegenleistung ihres Ehemannes - also dem Marktpreis - abhängig. Es wäre jedoch denkbar zu argumentieren, dass die Einführung einer Vielehe die Heiratsbereitschaft von Frauen steigert, weil sie sich so die Last eines Ehemannes teilen können. Oder aber das Interesse an der Ehe könnte sinken, weil Eifersüchteleien und Stutenbissigkeit das Eheklima verschlechtern. Dann würde sich auch die Angebotskurve S verschieben. Diese beiden Fälle sollen hier nicht erörtert werden, allerdings kann sie jeder mit dem dargebotenen Instrumentarium leicht selbst analysieren.

Die Rechtsverschiebung der Nachfragekurve führt zu einem neuen Marktgleichgewicht G2. Es wird unmittelbar deutlich, dass in G2 der Preis von Frauen im Vergleich zur Ausgangssituation um +P gestiegen ist. Dieser Preisanstieg hat einen Verteilungseffekt zur Folge: Frauen stellen sich eindeutig besser durch die Einführung der Vielehe. Die Nachfrage ist gestiegen und somit ceteris paribus auch ihr Preis, also die Gegenleistung für ihr Eheversprechen. Männer müssen besser aussehen, mehr verdienen und/ oder öfters abwaschen als vorher.
Der Verteilungseffekt in der Gruppe der Männer ist unklar. Ein Mann, der sowohl vor als auch nach der Liberalisierung genau eine Frau ehelicht, stellt sich eindeutig schlechter. Er muss für den gleichen Gegenwert mehr zahlen. Was aber ist z.B. mit einem Mann, der nach der Liberalisierung eine zweite Frau heiratet? Es lässt sich nicht entscheiden, ob er sich besser oder schlechter stellt. Aus unserer Analyse geht nicht hervor, ob er eine Frau zum alten Marktpreis P1 als besser oder schlechter ansieht als zwei Frauen zum neuen Marktpreis P2. 


Die Frauen sind die klaren Gewinner einer Vielehe

Mit der Betrachtung der Verteilungswirkungen der Einführung einer Vielehe lassen sich somit die gesamtgesellschaftlichen oder volkswirtschaftlichen Wohlfahrtseffekte nicht messen. Es könnte sein, dass die Einführung einer Vielehe einem Nullsummenspiel gleich kommt. Vielleicht verlieren die Männer insgesamt so viel, wie die Frauen gewinnen. Ob man dann die Vielehe befürwortet oder nicht, hinge maßgeblich vom eigenen geschlechtsspezifischen Interessenstandpunkt ab - ein sehr subjektiver Grund. 

Durch eine analytische Aufteilung der Folgen einer Einführung der Vielehe in einen Preis- und einen Allokationseffekt  lässt sich jedoch eine eindeutige Antwort auf die Frage finden, ob es der Gesellschaft nach der Liberalisierung insgesamt besser oder schlechter geht als vorher. 

Der Preiseffekt betrachtet nur die Auswirkungen des höheren Preises im neuen Gleichgewicht G2. Grafisch entspricht er einer Bewegung von G1 senkrecht nach oben bis zur Höhe des neuen Preisniveaus P2. In diesem Punkt X (vgl. zweite Grafik) wurden die Allokationseffekte noch nicht berücksichtigt, d.h. es wurde der Tatsache noch nicht Rechnung getragen, dass sich die 'Aufteilung' (Allokation) der Frauen unter den Männern ändert, weil Männer jetzt mehrere Frauen heiraten können. Dieser Allokationseffekt entspricht einer horizontalen Bewegung vom Punkt X hin zum neuen Gleichgewicht G2.

Der Preiseffekt ist in der Tat ein Nullsummenspiel: Das was Männer durch den höheren Preis verlieren, gewinnen die Frauen. Der Allokationseffekt hingegen ist ein Positivsummenspiel. Allerdings darf hier nicht mehr mit einem Anstieg des Preises argumentiert werden, da alle Wirkungen, die daraus resultieren, bereits bei der Betrachtung des Preiseffekts eingerechnet wurden. Nun kommt es auf eine Analyse des Nutzens an. Es gibt drei denkbare Fälle: 

1.] Ein Mann verändert die Anzahl seiner Ehefrauen nicht. Es bleibt bei einer. Für ihn ändert sich nichts. Der Nutzen durch eine Ehefrau ist gleich geblieben. [Nochmals: Die gestiegen Kosten der einen Frau dürfen nun nicht mehr als Argument eingesetzt werden, sonst würden wir sie doppelt berücksichtigen!]

2.] Ein Mann beschließt, in der neuen Situation nicht mehr zu heiraten. Im Vergleich zur Ehelichung einer Frau muss er sich dadurch besser stellen - also seinen Nutzen erhöhen. Dies liegt an der Annahme des rationalen Verhaltens eines homo oeconomicus: Würde er sich durch den Verzicht auf eine Ehefrau nicht besser stellen, würde er diesen Verzicht nicht leisten. 

3.] Ein Mann beschließt, mehr als eine Frau zu heiraten. Aus den gleichen Gründen wie unter 2.] muss er sich besser stellen.


Volkswirtschaftlich sind viele Frauen besser als eine

Somit steht das Ergebnis unserer Analyse nunmehr fest: Eine Liberalisierung des Heiratsmarktes ist gesamtwirtschaftlich wohlfahrtssteigernd. Deswegen ist sie anzustreben. Im Bereich der Preiseffekte haben wir zwar ein Nullsummenspiel, also eine reine Umverteilung. Was die eine Gruppe gewinnt, verliert die andere. Im Bereich der Allokationseffekt gibt es aber einen eindeutigen Zugewinn an Nutzen zu beobachten. Zusammen: Eine reine Umverteilung plus ein Zugewinn ist ein Zugewinn. 

Aus dem Gesagten folgt, dass Feministinnen statt sinn- und hoffnungslose Kämpfe gegen eine vermeintliche Männerherrschaft zu führen, besser für die Einführung einer Vielehe in der hier beschriebenen Form eintreten sollten. Die daraus resultierende Umverteilung käme voll ihrer Klientel zu gute. Ihr natürlicher Bundesbruder in dieser Bataille wären die Ökonomen. Allerdings würden sie Ihren Einsatz nicht mit den Eigeninteressen einer einzelnen gesellschaftlichen Gruppe rechtfertigen, sondern mit den positiven Auswirkungen auf das große Ganze, welches Ökonomen stets im Blick haben.

Nun noch zwei abschließende Bemerkungen:

Das Grundmodell der ökonomischen Theorie der Ehe geht zurück auf das Buch "Hidden Order - The Economics of Everyday Life" von David Friedmann. Der Autor ist Sohn des Nobelpreisträgers Milton Friedman, der einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts war. Sein Sprössling war zunächst bemüht, eigene Wege zu gehen. Er studierte Physik und schloss mit einer Promotion ab. Erst danach entdeckte er die Faszination der Disziplin seines Vaters. Als Autodidakt brachte er sich selbst die einschlägige ökonomische Theorie bei. Der Erfolg war verblüffend: Ohne je ein einziges Semester Volkswirtschaftslehre studiert zu haben, ist David Friedman heute Professor für Ökonomie an der Universität Santa Clara.

Die zweite abschließende Bemerkung widmet sich der Frage, welche allgemeinen Schlussfolgerungen die - mehr oder weniger - geneigten Hörer aus dem vorangegangenen Vortrag ziehen wollen. Eine Interpretation wäre, dass es sich hier nur um eine gut getarnte, pseudokompetente, im Kern aber abwegige Rechtfertigung für uralte Männerphantasien handelt.

Oder aber man kann den Schluss ziehen, dass Ökonomie am Ende doch weit mehr ist als nur eine Disziplin, die sich mit Fragen wie Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit beschäftigt. Vielleicht ist Ökonomie die faszinierendste Philosophie menschlichen Lebens überhaupt. 

Das ist auf jeden Fall mein Schluss. Vielen Dank. 



Dieser Vortrag ist Teil einer Reihe und wurde gehalten für die Deutsche Schülerakademie. Ziel war es, Oberstufenschülern einen ersten Eindruck von einem Studienfach zu vermitteln. Frank Jung studierte zwischen 1994 und 2000 Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Ruperto Carola in Heidelberg. Seine Lehrer waren Axel Murswieck und Jürgen Siebke. Heute arbeitet Frank Jung als Redakteur bei der Tagesschau - und ist bislang nur mit einer einzigen Frau verheiratet.

Frank Jung

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